Naturopolis: Die grüne Revolution – Auch in Hamburg?

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Naturopolis: Die grüne Revolution

Naturopolis: Die grüne Revolution

Die Natur erobert die Stadt und der Mensch die städtische Natur. Wie ist es der Natur gelungen, sich in einer Megametropole wie New York zu behaupten? Kann Big Apple als Vorbild für eine nachhaltige Stadtentwicklung stehen? Wünschen Sie sich eine grünere Stadt?

 

ARTE zeigt Ihnen hier in vier interessanten Filmen über Rio, New York, Paris und Tokio, wie das geht!


Naturopolis: Die Sendereihe

Im „Naturraum Stadt“ sind die Beziehungen zwischen Mensch, Tier und Pflanze eng und vielfältig. Die ARTE-Sendereihe „Naturopolis“ lädt dazu ein, vier Megastädte aus einem neuen Blickwinkel zu entdecken: Wie hat die Natur diese Städte geprägt? Und warum ist es für die Städte überlebenswichtig, ihre Beziehung zur Natur neu zu definieren ?


Rio – Es grünt am Zuckerhut

Rio de Janeiro ist eine der schönsten Städte der Welt. Doch hinter der Postkartenkulisse verbergen sich Umweltprobleme wie Luft- und Wasserverschmutzung, Erdrutschgefahr, planlose Bautätigkeit und wilde Müllkippen. Rio hat seine Umwelt der Industrialisierungspolitik geopfert, und heute wird man sich dessen bewusst. Mit der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und den Olympischen Spielen 2016 rückt die Stadt ins Rampenlicht. Ein Anstoß für Rio, tatsächlich eine saubere Stadt zu werden?

Dokumentation von  Bernard Guerrini und Mathias Schmitt (Frankreich, 2013, 52 Min.)


New York – Die grüne Revolution

New York in eine umweltfreundliche

New York in eine umweltfreundliche „Green City“ umwandeln

Im Herzen New Yorks gelingt es der Natur, die Stadt zurückzuerobern. Unterstützung erhält sie von Menschen, die sich dafür einsetzen, New York in eine umweltfreundliche „Green City“ umzuwandeln. Sie wünschen sich eine „Post-Kyoto-Metropole“, eine Niedrigenergie-Stadt mit begrünten Dächern und Passivgebäuden, in der vertikale Landwirtschaft und Bionik fester Bestandteil des Alltags sind. Alles Utopie?

Dokumentation von Bernard Guerrini und Mathias Schmitt (Frankreich, 2012, 52 Min.)


Paris – Der Traum vom Grün

Mit über zwei Millionen Einwohnern gehört Paris zu den Städten mit der höchsten Bevölkerungsdichte auf der Welt und den wenigsten Grünflächen. Seit die Hauptstadt erkannt hat, dass die Natur helfen kann, die Umweltprobleme von morgen zu lösen, wird die Begrünung in alle Richtungen vorangetrieben – inzwischen auch himmelwärts. So wurde das Dach eines Einkaufzentrums im Hochhausviertel Beaugrenelle am linken Seine-Ufer begrünt und gilt heute als größter Dachgarten der Stadt: 7.000 Quadratmeter Grünfläche mitten in Paris. Bis 2020 will die Stadtverwaltung insgesamt sieben Hektar begrünte Terrassen schaffen. Doch der Weg zum grünen Paris ist noch lang.

Dokumentation von Isabelle Cottenceau (Frankreich, 2013, 52 Min.): Freitag, 16. Mai um 21:40 Uhr


Tokio – In Zukunft grün?

Vor einem Jahrhundert war der japanische Regierungssitz die größte Gartenstadt der Welt, ein Vorbild für Ökologie und den Einklang mit der Natur. Heute ist Tokio die größte Megastadt der Welt, auch sie hat ihre Naturräume auf dem Altar des Fortschritts geopfert. Aber Fukushima bedeutete das Ende des Mythos von der leicht zu gewinnenden Energie und vom endlosen Wachstum. Die Metropole denkt heute über ein alternatives Entwicklungs- und Stadtmodell nach.

Dokumentation von Bernard Guerrini und Mathias Schmitt (Frankreich, 2013): Freitag, 23. Mai, 21.30 Uhr


Die vertikale Revolution

Im Jahr 2050 sollen neun Milliarden Menschen die Erde bevölkern – wie werden sie ernährt? Forscher arbeiten derzeit am „Vertical Farming“.

David Schelp für das ARTE Magazin

Wie ein grüner Riese ragt New Yorks Speisekammer der Zukunft aus der Skyline. Hinter der gläsernen Fassade zeichnen sich die Konturen von Bäumen ab. Nachts wirft das Gebäude grünes Schummerlicht auf die umliegende Stadt. „Dragonfly“, Libelle, heißt der Wolkenkratzer. Der Anatomie des Insekts nachempfunden, schraubt sich der Bau 700 Meter in den Himmel über Roosevelt Island, dort, wo der East River Manhattan von Queens trennt. Wie Einfamilienhäuser wirken die benachbarten Wolkenkratzer in seinem Schatten. Doch „Dragonfly“ soll einmal mehr sein als ein besonders hoher und extravaganter Büroturm im New Yorker Bankenviertel: Eines Tages soll die Libelle helfen, die Stadt zu ernähren.

So erträumt es sich der belgische Architekt Vincent Callebaut, der das Hochhaus geplant hat. Noch ist die Libelle eine Zukunftsvision, die nur in Callebauts Entwürfen und Animationen Gestalt angenommen hat. Sollte sie tatsächlich einmal realisiert werden, würden auf 132 Etagen Tomaten, Pilze oder Orangen wachsen, Kühe weiden, Hühner und Fische gezüchtet werden. Etwa 150.000 New Yorker könnten von den Erträgen leben.

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Agrarwolkenkratzer um die Straßenecke

„Vertical Farming“ heißt das Konzept, das Callebaut und eine Handvoll Forscher zu derart spektakulären Entwürfen inspiriert: vertikale Landwirtschaft. Felder und Weiden sollen sich nicht länger bis zum Horizont erstrecken, sondern in die Höhe: Stockwerk über Stockwerk, mitten in der Stadt. Die Verfechter der Idee erhoffen sich eine Revolution der Landwirtschaft – und Antwort auf die Frage: Wie ernähren wir die Menschheit? Über sieben Milliarden Menschen bevölkern die Erde heute, im Jahr 2050 werden es nach Schätzungen der Vereinten Nationen über neun Milliarden sein. 70 Prozent davon werden in Städten leben.

Dickson Despommier, ein inzwischen emeritierter Professor für Umweltgesundheit an der New Yorker Columbia University, beschäftigt sich erstmals 1999 mit dem Problem. Seine Berechnungen ergeben, dass Acker- und Weideflächen in der Größe Brasiliens erschlossen werden müssten, um mit dem Wachstum der Weltbevölkerung Schritt zu halten. Flächen, die laut Despommier nicht verfügbar sind. Fortan sucht er nach Möglichkeiten, mehr Nahrung auf weniger Raum zu produzieren. Der Agrarwolkenkratzer um die Straßenecke würde dabei mehr als das Hungerproblem lösen, ist sich Despommier sicher: Er könnte die Landwirtschaft ökologischer gestalten. Benzinschluckende Transportwege wären überflüssig; im Innern der Gebäude wären Pflanzen sicherer vor Schädlingen, sodass giftige Pflanzenschutzmittel nur selten zum Einsatz kämen; Mist aus Viehzucht könnte Kunstdünger ersetzen, während die Tiere mit Ernteabfällen gefüttert würden – nichts ginge in dieser Kreislaufwirtschaft verloren; moderne Bewässerungsverfahren wie die exakt dosierbare Tröpfchenbewässerung könnten bis zu 70 Prozent Wasser sparen. Geschützt vor widrigen Wetterbedingungen, würden die Stadtbauern der Zukunft ihrer Arbeit nachgehen, 365 Tage im Jahr. Missernten gäbe es nicht mehr. Und durch die umfassende Kontrolle über Nährstoffe, Beleuchtung und Bewässerung wären fette Erträge garantiert.

 

Gestapelte Äcker als Energiefresser

Despommiers Prognose ist nicht ganz unumstritten. Abgesehen von den Bedingungen, unter denen Tiere gehalten würden, ist vor allem die Energiebilanz der Gewächshochhäuser ein Streitpunkt. „Wie viel Stahl ist nötig, um so ein Gebäude zu bauen, wie viel Energie verschlingt es und wie stromintensiv ist die Bewirtschaftung?“, fragt Petra Hagen Hodgson, die Leiterin des Fachbereichs Urbane Grünräume der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Studien zeigen, dass der Energieverbrauch der gestapelten Äcker nach dem derzeitigen Stand der Technik gigantisch wäre. Besonders die künstliche Beleuchtung entpuppt sich als Kos-tentreiber. Würden vertikale Farmen ausschließlich mit grüner Energie betrieben, so müsste der US-Sektor für erneuerbare Energien um das 400-fache ausgebaut werden – allein um Amerikas gesamte jährliche Weizenernte produzieren zu können. Verzichtete man auf erneuerbare Energien, müssten zu den derzeit 104 amerikanischen Atomkraftwerken circa 4.000 weitere hinzukommen. „Die vertikale Landwirtschaft allein kann unsere Ernährungsprobleme nicht lösen“, sagt Hagen Hodgson. Die Debatte findet sie dennoch wichtig: „Es ist gut, dass wir diskutieren, wie wir die Welt in Zukunft ernähren wollen.“ Auf dem Weg dorthin spielt auch die urbane Landwirtschaft eine tragende Rolle. Schon jetzt versorgt der Anbau auf Dächern und Balkonen die Einwohner vieler Metropolen mit frischem Obst und Gemüse. „In einer dichten Stadt wie London rechnen wir langfristig mit 25 bis 30 Prozent an Eigenproduktion“, sagt Katrin Bohn, Architektin an der Technischen Universität Berlin.

 

Realität oder Utopie?

In verschiedenen Teilen der Welt suchen Wissenschaftler nun nach Wegen, die vertikale Landwirtschaft aus den Wolken auf festen Grund zu holen. Im südkoreanischen Suwon wachsen auf drei Etagen einer Versuchsanlage Salatköpfe, die bald in Supermärkten verkauft werden sollen. An der Universität Hohenheim in Stuttgart stellten Forscher unter dem Schlagwort „Skyfarming“ kürzlich das Modell eines Reishochhauses vor, aktuell arbeiten sie an einem Prototypen. Auf 20 bis 50 Etagen soll der Reis der Zukunft sprießen.

Außerhalb des Labors scheiterten kommerzielle Großprojekte bislang meist kläglich. So wurden in den Niederlanden die Pläne zum „Deltapark“ verworfen, einer vertikalen Agrarfabrik bei Rotterdam. Mit auf mehreren Ebenen produziertem Gemüse, Obst, Fleisch und Fisch sollte er die Holländer versorgen. Nachdem Medien die Art der Herstellung aber als zu künstlich kritisiert hatten, wurde das Projekt gestoppt. Der nächste vertikale Landwirtschaftsversuch findet in Linköping statt, einer etwa 100.000 Einwohner zählenden Stadt in Schweden. 2012 wurde dort der Spatenstich für eine 55 Meter hohe, kegelförmige Glaskonstruktion gesetzt. Auf 4.000 überdachten Quadratmetern soll ab 2014 vor allem asiatisches Gemüse wachsen. Auch wenn noch viele Fragen offen bleiben, könnte die vertikale Revolution ihren Start so in der skandinavischen Provinz nehmen.

 

Buch-Tipp

  • H. Welzer, K. Wiegandt: „Perspektiven einer nachhaltigen Entwicklung: Wie sieht die Welt im Jahr 2050 aus?“ (Fischer Taschenbuch Verlag 2012)
  • M. Carter, D. Despommier: „The Vertical Farm: Feeding the World in the 21st Century“ (Thomas Dunne Books 2010)

 

Kategorie: Blog  •  Umwelt