Was ist autofreies Wohnen

Unter dem Begriff „autofreies Wohnen“ sind seit den 90er Jahren in Deutschland, den Niederlanden, Österreich, der Schweiz und weiteren Ländern etliche Wohngebiete völlig unterschiedlichen Charakters und mit einem differenzierten Grad der Autofreiheit entstanden.

Autofrei durch die Stadt Hamburg

Autofrei durch die Stadt Hamburg – Foto: Jens

 

Der Begriff „Autofreies Wohnen“ ist als solcher nicht geschützt und erlaubt einen gewissen Interpretationsspielraum. Auch sogenannte „autofreie Projekte“ bewiesen bis heute einen breiten Fächer individueller Auslegungen, bzw. Belebungen oder Umsetzungen des Begriffes.

Die Idee, durch Zusammenfassung Gleichgesinnter in einem Gebiet und der damit hinfälligen Notwendigkeit von autobasierender Erschliessung hochwertige Wohnqualitäten zu schaffen, ist nicht nurin Deutschland vielmals und konzeptionell variierend aufgegriffen worden.

In autofreien Wohngebieten wird durch nicht herzustellende Parkplätze die Möglichkeit geschaffen, die Freiräume wieder als lebendige Lebensräume zu gestalten und somit Aufenthaltsqualitäten zu schaffen, die gewöhnlich – meist in Form motorisierten Pendelverkehrs – auf dem Land gesucht werden.

 

Weniger Belastung durch Lärm, Abgase und Geschwindigkeit – mehr Grün, Verkehrssicherheit und auch Gerechtigkeit. Denn nicht selten müssen Haushalte, die unterdurchschnittlich zur Problematik des Autoverkehrs beitragen, einen überdurchschnittlichen Teil der resultierenden Lasten tragen, beispielsweise als nicht autofahrende Anwohner stark befahrener Strassen.

 

Die bauordnungsrechtliche Einstufung eines Projektes in Abgrenzung zu den tatsächlichen Umständen können für Irritation sorgen. In Hamburg zum Beispiel werden die nach dem Verständnis der Bewohner „autofreien Wohnsiedlungen“ bauordnungsrechtlich als „autoarm“ geführt. Das hat seinen Grund in der Tatsache, dass Gesetzgeber und Verwalter kraft ihrer Stellplatzverordnungen von einer grundsätzlichen Verpflichtung zur Erstellung von Stellplätzen bei Neubauvorhaben ausgehen. Sie räumen zwar unter bestimmten Bedingungen die Möglichkeit zur Reduzierung des Stellplatzschlüssels unter die Bemessungsgrenze ein, entbinden aber auch Nicht-Autofahrer nicht in Gänze von der Stellplatzherstellungspflicht. In Hamburg wurde ein verbindliche Rechtsrahmen als Folge des ersten autofreien (Modell) Projektes (Saarlandstrasse 1. Bauabschnitt) geschaffen.

 

Alle drei Hamburger autofreien Projekte – Saarlandstrasse 1. und 2. Bauabschnitt am Kanal Barmbeker Stich sowie die Klimaschutzsiedlung am Kornweg in Klein Borstel – mit Stellplatzschlüsseln von 0.15 und 0.2 je Wohnung wurden vom Verein Autofreies Wohnen e.V. initiiert und zeichnen sich nach wie vor, vereinzelte Ausnahmen vorbehalten, durch eine stabil autofreie Bewohnerschaft aus. Sie haben der Stadt gegenüber eine Verpflichtungserklärung zur Verringerung des Stellplatzbedarfes abgegeben, aus der hervorgeht, dass kein Stellplatzbedarf durch dauerhafte Nutzung eines Kfz entsteht. Das schliesst weder das Fahren von Firmenwagen, wenn sie stellplatztechnisch auf dem Gelände der Firma verortet sind, noch das Nutzen von car-sharing Angeboten aus.

Weniger Belastung durch Lärm, Abgase und Geschwindigkeit - Das Fahrrad

Weniger Belastung durch Lärm, Abgase und Geschwindigkeit – Das Fahrrad / Foto: Jens

Darüber hinaus gibt es auf überregionaler oder internationaler Ebene Projekte, denen nicht der ausschliessliche Gedanke der Architektur gewordenen Lebenshaltung ohne eigenes Auto, sondern „nur“ ein autoreduzierendes Mobilitätskonzept zu Grunde liegen. Beispiel hierfür ist Freiburg Vauban. Dort entstand Ende der 90er Jahre ein sich über 42 Hektar ausbreitendes Modellquartier gemischter Nutzung, dass neben der Umsetzung anderer ökologischer und sozialer Themen das Ziel hatte, den fliessenden Autoverkehr auf ein Minimum zu reduzieren, den ruhenden Verkehr extern zu bündeln und Anreize für ein Leben mit alternativen Fortbewegungsmethoden zu schaffen.

 

In Amsterdam standen ökonomische Überlegungen im Vordergrund, als man dort in den frühen 90ern in die Planung für das später erfolgreich umgesetzte autofreie Projekt „GWL-Terrein“ mit etwa 600 Wohnungen einstieg. Bauen mit autogerechter Infrastruktur war laut der Ergebnisse systematischer Untersuchungen zum kostensparenden Bauen deutlich teurer als die Alternative.

In Köln wiederrum wurde mit dem „Stellwerk 60“ ein rund 400 Wohnungen umfassendes autofreies Wohngebiet geschaffen, dessen innenliegende Erschliessungsflächen von der Stadt als Fussgängerzonen ausgewiesen wurden. Besonderheit ist hier, dass die Wohnungen nicht genossenschaftlich oder durch Baugemeinschaften, sondern von klassischen Investoren gebaut wurden, die offensichtlich in dieser Wohnform einen Marktwert entdeckt haben.

So oder so: Ein nicht gebauter Parkplatz macht noch kein Autofreiprojekt. Durch disponible, beziehungsweise befreite Flächen (Parkplätze!) und eingesparte Mittel können verschiedenste Mehrwerte geschaffen werden, die nicht nur in einer Optimierung des Alltags der nicht am motorisierten Individualverkehr sich beteiligenden Verkehrsteilnehmer besteht: XXL-Fahrstühle, Fahrradwerkstätten, überdurchschnittliche Größe und Ausstattung der Waschküche, gemeinschaftliche Nutzungen wie Kinderhort, Freizeitangebote, Sauna, Schwimmbad sind Beispiele einer typischen „Mehrwertabschöpfung“ in autofreien Wohnüberbauungen.

 

LINKLISTE AUTOFREIES WOHNEN
Verein Autofreies Wohnen e.V.. www.autofreieswohnen.de
autofrei leben: www.autofrei.de
Club der Autofreien Schweiz (CAS): www.clubderautofreien.ch
Läbigi Stadt: www.laebigistadt.ch
Internationales Netzwerk: www.worldcarfree.net

 

Projektbeispiele Deutschland:
Autofreies Projekt in Köln; Stellwerk 60
www.stellwerk60.de (Investor)
www.nachbarn60.de (Nachbarschaftsgruppe)
www.autofreie-siedlung-koeln.de (Arbeitskreis Autofreie Siedlung Köln e.V. (ASK e.V.))
Quartiersentwicklung Freiburg Vauban: www.vauban.de

Projektbeispiel Niederlande:
Amsterdam-Westerpark; GWL-Terrein: www.gwl-terrein.nl

Projektbeispiel Österreich und Schweiz:
Wien-Floridsdorf; Nordmanngasse (Autofreie Mustersiedlung): www.autofrei.org
Autofrei Wohnen Bern (AWB): www.autofreiwohnenbern.ch